Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 11.11.2000

Tribut an Horst

Sonntag in der ARD: „Schimanski“ als entstaubter Mythos

Man soll nicht hochtrabend sein, aber ein bisschen wirken die neuen Schimanski-Folgen, die die ARD am Sonntag und am 3. Dezember um 20. 15 Uhr zeigt, wie eine „Anleitung zum Glücklichsein“; auch für die Spielfilmabteilungen der öffentlich-rechtlichen Sender. In erleuchteten Zeiten haben sie Volksfiguren erschaffen wie den Schimanski, diese Figuren wurden durch Geschichten geführt, die auch jene Zuschauer ohne zweiten Bildungsweg als ihre Geschichten erkannten. Seit 1981 war Duisburg überall, und war auch nicht jede Folge mit Schimanski gut (oh nein), so stand die Figur doch prinzipiell dafür, dass man sich nicht für blöde verkaufen lassen sollte. Nicht als einfacher Bulle, nicht als einfacher Zuschauer.

20 Jahre nach Schimanskis erstem Auftritt im WDR-Tatort „Ruhrort“ sind nun zwei neue, stilistisch sehr eigenwillige Folgen entstanden. Der WDR und die Produktionsfirma Colonia Media kombinierten gestandene Schauspieler wie Götz George, Christiane Hörbiger und Katrin Saß mit jungen Darstellerinnen und Darstellern. Sowie mit zwei jungen experimentierfreudigen Regisseuren. Herausgekommen sind zwei nicht perfekte, aber bewegende, mitunter auch komische, bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzte Filme, die auch wegen der ungewöhnlichen Erzählweisen und Bildsprachen nicht mehr zu vergleichen sind mit den letzten Schimanskis, in denen der Kerl mal parodistisch, mal bierernst – insgesamt unentschlossen – auf der Suche nach dem neuen Ich war.

Die beiden neuen Filme nun demonstrieren den Stolz auf eine traditionelle Figur durch eine Art „Tribut an Schimanski“ .

Am Sonntag ist Horst Schimanski in „Tödliche Liebe“ Teil einer Zeitungs-Drückerkolonne, in die er sich als schmieriges Double des inhaftierten Drückerkönigs Baldorf Zugang verschafft. Auf diese Weise will er den Mord an der Schwester seines jungen Kollegen Hunger aufklären, die in dieser Drückerkolonne gearbeitet hat. In der artifiziellen „Tödlichen Liebe“ braucht der gewöhnliche Schimanski-Fan Zeit, bis er dem 38-jährigen Regisseur Andreas Kleinert die kammerspielartigen Gruppen-Abendessen und Tischgespräche in der dunkelblauen Drücker-Villa abnimmt. Das wirkt zunächst so gesetzt, so kunstvoll, die Gesichter so maskiert, dass die Geschichte (die auf einer wahren Begebenheit basiert) erst nach und nach mitreißt. Am Theater auf dem Theater werden die Freunde von Horsts gradliniger Ermittlungsweise zu knacken haben: Schimanski verschwindet für circa zwei Drittel des Films hinter der Figur, die er doubelt. So aber gibt der Komödiant Götz George – und das ist eine Show – ein rundherum ekelpaketiges Schwein; mit Brisk in den Haaren, Klunker an den Pfötchen und gewaltbereitem Lächeln.

Tiefe verleihen dem Film die Ungeliebten; Katrin Saß als Chefin der Drücker, die stille Frustrationen durch ritualisierte Aggressionen vollendet. Dann deren Freundin, der Inga Busch mit knappem, brillantem Spiel stetig Angst einhaucht. Endlich auch darf der überaus starke Julian Weigend dem jungen Assistenten Hunger eine Geschichte verleihen. Große Momente hat „Tödliche Liebe“ in den traurigen, lange atmenden Szenen, in denen der alte Schimanski dem jungen Hunger die Welt zu erklären versucht.

Am 3. Dezember gerät Schimanski dann in „Schimanski muss leiden“ auf der Fahrt zum Geburtstag seines Ex-Chefs Königsberg in eine turbulente (wenn nicht verwirrende) Kurdengeschichte um Folter, Drogen, Groß- wie Kleinkriminalität. Nach der dogmaartig stürmischen Bilderfolge des 35-jährigen Regisseurs Matthias Glasner fragt man sich freilich – sobald man nach dem herzzereißenden Ende wieder Platz für annähernd logische Gedanken findet – wieso die Geschichte einer gefolterten Kurdin, die der Handlung erst den Antrieb gibt, nur angedeutet, nie aber begründet wird.

Aber ein Fest sind die beiden jeweils sehr unterschiedlichen Filme ohnehin nicht für Logik-Freaks. Ein Fest sind sie für die Augen, für die Sinne und, nun ja, für die Ohren: Die Musik kommt nicht mehr von trivialen Raspelgranaten wie Chris Norman. Sie kommt, nur zum Beispiel, von Radiohead.

Im Dezember sind es vor allem Götz George und Christiane Hörbiger, die „Schimanski muss leiden“ zu einem furiosen Tänzchen machen. Der Prolo und die elitäre Dame, die den Prolo erst fast über den Haufen fährt, ihn dann benutzt und ihn schließlich verführt, sind ein hinreißend ratloses Paar, selbst in dem Moment, in dem sie miteinander schlafen; eine Szene zwischen zwei großen, aber immerhin 62-jährigen Schauspielern, die Regisseur Glasner so unverstellt wie peinlichkeitsfrei ablichtet.

Tribut an Schimanski? Nicht nur. Jede große Figur trägt ein paar andere Figuren wie ewige Geheimnisse mit sich herum. Horsts Geheimnisse heißen Marie Claire und Hänschen, sind also sehr schön beziehungsweise sehr bollerig. Denise Virieux spielt nicht, sondern schwebt. Sie gibt einen realen Engel, der Schimanski pausenlos zu verlassen droht und immer dann, wenn der seinen Fall, nicht aber seine Lebenskrise beendet hat, aus dem Nichts wieder anfliegt, ihm einen (letzten?) Wunsch erfüllt. Und Chiem van Houeweninge? What a friend!

In „Schimanski muss leiden“ sitzt das Hänschen in der vermutlich schönsten Szene, die das Fernsehen im Dezember zu bieten haben wird, mit den beiden anderen sowie einer Cannabis-Topfpflanze in einer Autobahnraststätte und bittet den Kellner um „destilliertes Wasser“ für das geliebte Drogenbäumchen. Horst und Hänschen wollen nur ihren alten Chef besuchen. Marie Claire will nur mit Horst und Hänschen zusammen sein. Keiner will „einen Fall“. Dann fällt draußen ein Schuss. Horst matscht in seiner Currywurst herum, brummt: „Da ist nur ein Reifen geplatzt. „ Hänschen flucht. Marie Claire besäuft sich.

Die Welt ist schlecht. Aber solange in Raststätten Leute wie Horst und Hänschen zusammen mit einem betrunkenen Engel herumsitzen, sollte man den Kopf nicht hängen lassen.

ALEXANDER GORKOW

© Süddeutsche Zeitung


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