Süddeutsche Zeitung vom 5.12.1998

Duisburg im Drogenrausch

Sonntag: Schimanski kehrt in seine Stadt zurück und sieht selbst Tanner wieder

Bruder liebt Schwester und umgekehrt, das ist nicht weiter bemerkenswert - es verwirrt aber zunächst schon etwas, daß die beiden offenbar auch das Bett geteilt haben, bevor sich die schöne Frau erst in den Puff und dann zum Bauunternehmer davongemacht hat. Zurück bleibt ein verstörter Mann, und unsereins fragt sich auch: Liegt ein Hörfehler vor? Lieben sich denn Geschwister auf solche Weise? Ach so, die Waisen sind zusammen im Heim aufgewachsen; diese Erklärung kommt aber erst viel später und ganz nebenbei, weshalb sie eigentlich gar nichts erklärt.

Der dritte Fall für Schimanski in diesem Jahr heißt also Geschwister und erhebt damit zum Thema, was leider im Ungefähren bleibt: Welche Beziehung besteht zwischen Andy (Roman Knizka) und Laura (Sandra Speichert), woher kommt sie, wohin führt sie? Nur auf letzteres gibt es eine Art Antwort, und sie heißt, was sonst, Schimanski. Schimanski zieht wieder nach Duisburg, weil er seine Freundin nach gefährlich langer Abwesenheit ausgerechnet mit einem Polizisten erwischt hat; vorher muß er aber verständlicherweise den Mann noch verprügeln, was ihm einen Knastaufenthalt einbringt und Götz George einen Kurzhaarschnitt, der verdächtig an den Totmacher erinnert.

Fahnder Andy ist ein früherer Kollege, der einst dem Hauptkommissar selbstlos das Leben rettete - so kommt eins zum anderen, Schimanski muß die geliebte Schwester suchen und tappt in die Fänge des Bauunternehmers (Hannes Jaenicke), der noch viel schlimmere Sachen macht, als nur Laura zu begeistern. Korruption, Mord, Entführung, Kindesmißhandlung, Folterkammer, Drogen-Pilze, aufgrund derer die Staatsanwältin einen Toten in ihrem Bett sieht und im Nachthemd über die Straße torkelt. Wie auch immer solche Schwammerl wirken mögen - daß Schimanski sich deswegen selbst als Kuh und Raubkatze im Spiegel erkennt, ist ein ziemlich tolles Stück, überboten noch von der Nase eines Ermordeten, die auf der Baustelle aus dem Beton ragt; und von einem halluzinierten Auftritt des guten alten Thanner. Das soll vermutlich komisch sein und ist es auch, aber nicht unbedingt lustig.

Horst Vocks, der zusammen mit Helmut Krapp das Drehbuch schrieb, war auch für Muttertag und Rattennest zuständig, Regie führte wie bei Muttertag Mark Schlichter. Diesmal hat er aber in Duisburg gedreht, nicht in Bosnien, und die Stadt kann fürs erste aufatmen: Republikweit wird endlich bekannt, daß es dort eine vornehme Bauunternehmer-Villa gibt, die auch beim Alten in Grünwald stehen könnte; Duisburg ist also doch kein Rattennest. Schön war es aber schon, wie sich die reale Ruhr-CDU über die letzte fiktionale Folge aufregen konnte. Allein solcher Sachen wegen muß Schimanski unbedingt weiterleben.

MICHAEL KNOPF


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