| Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 28.4.2010
Schimanskis Revier In Duisburg-Ruhrort spielte der erste Tatort-Krimi mit Götz George. Vom langsamen Wandel einer Filmkulisse „Duisburg-Ruhrort“ hieß 1981 der erste Schimanski-Tatort, und er wurde auch weitgehend im Ortsteil Ruhrort gedreht. Die Eingangsszene ist 2:35 Minuten lang und inzwischen legendär. Verkatert sucht ein schnauzbärtiger Mann im Unterhemd in seiner verdreckten Küche nach etwas Essbarem. Im Transistorradio läuft „Leader of the pack“, der Blick aus dem Fenster zeigt eine monströse graue Stahlwerk-Tristesse. Der Mann findet keine saubere Bratpfanne, deshalb klopft er zwei rohe Eier kurzerhand in ein Glas und schüttet sie in einem Zug in den Hals. Dann zieht er eine komische beige Jacke an und geht. Das ist Kommissar Horst Schimanski, gespielt von Götz George: Versoffen, ohne Benehmen und gegen alle Konvention. Nach einer Viertelstunde sind die wichtigsten Bah-Begriffe des neuen Duisburg- Tatorts gefallen: „Verschissen ... son Arsch ... Du Knallkopp... verdammt noch mal... dem die Frau gevögelt...“ In deutschen Wohnstuben stöhnt man bei solchen Kraftausdrücken auf, selbst die Ruhrpottpresse schimpft. Nur der taz gefällt dieser Typ von Kommissar: „Solche Bullen braucht das Land“, befindet die Zeitung. Die Fernsehzuschauer sehen sich in ihren Vorurteilen über das Ruhrgebiet bestätigt: Dreckig, grau, ungehobelt und selbst die Polizisten sind vollproll. Dreißig Jahre später erwecken Hinweisschilder mit der Aufschrift „Schrottinsel“ und „Kohleinsel“ den Eindruck, als bestehe Schimanskis Revier noch fort. Aber statt der Kräne, die für den Erz- und Stahlumschlag sorgten und jahrzehntelang die Wahrzeichen von Ruhrort waren, folgen bald Wegweiser zu den modernen Containerterminals. Der größte Binnenhafen der Welt mit 37 Kilometern Uferstrecke heißt seit 2000 Duisport („excellence in logistics“) und hat im vergangenen Jahr trotz Wirtschaftskrise seinen Umsatz um 4,6 Prozent steigern können. Ruhrort boomt. Am Friedrichsplatz, das Herz des Ortes, soll der Neubaukomplex „Waterfront, Marina & Life“ entstehen: Ein Hotel, Cafes und Geschäftsräume sind geplant, alles sehr edel. Und an der Stelle, wo einst die Kohlekähne anlegten, sollen Yachten vor Anker gehen. Das alte Eisenbahnbassin ist schon zugeschüttet. Manfred Kleinrahm, 82, früher Assistent der Forschungsdirektion bei Thyssen in Ruhrort, kennt sich sowohl mit der Geschichte des Ortes als auch mit den Tatort- Krimis bestens aus. Kleinrahms Großmutter, einer Ruhrorter Heimatdichterin, hat man im Park ein Denkmal gesetzt, er selbst hat vor einem Vierteljahrhundert als Leiter des Ordnungsdienstes beim Traditionsverein MSV Duisburg mit seiner Crew Schimanski-Dreharbeiten gesichert. Manchmal durfte er als Statist mitwirken. Stolz zeigt Kleinrahm zeigt seinen Ruhrort, das renovierte Tausendfensterhaus („auch wenn es nur 900 und ein paar zerquetschte Fenster hat“), daneben die Neubaukomplexe des Duisburger Bauunternehmers Walter Hellmich, die einen Kontrast bilden zu den in allen Rottönen leuchtenden Bürgerhäusern und Ziegelsteinzeilen aus vielen Epochen. „Und alles piccobello sauber“ sagt Kleinrahm mehrfach. „Vor 30 Jahren war hier noch dreckigste Industrie. Und heute? Da – nur Grün, alles Bäume.“ Ein Stück weiter im Werfthafen wird gerade die historische Kesselschmiede von 1871 abgerissen, eines der ältesten Hafengebäude. Neue Logistikzentren brauchen Platz. Das mit der Sauberkeit ist Kleinrahm sehr wichtig, wegen des schlechten Images von Ruhrort und weil das in anderen verwahrlosteren Duisburger Quartieren weiter nördlich „teilweise leider ganz anders ist“. In allen Filmproduktionen, klagt er, „werden immer die dreckigsten Ecken gesucht. Jeder Kameramann kriegt doch gleich einen Orgasmus, wenn der an kilometerlangen Rohren vorbeifährt und das dampft da so schön raus. Die Ruhrorter wurden von den benachbarten Meiderichern gern als „Tönnekesdrieter“ verhöhnt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier keine Kanalisation, also erleichterte man sich auf Tonnen. Und wenn mal wieder das Hochwasser die Tonnen erwischte, muss es in Ruhrort wochenlang erbärmlich gestunken haben. Schimanskis „Scheiße“-Kultur ist ortshistorisch gesehen also durchaus angemessen. Ruhrort ist ein seltsames Gebilde: innen im Kern ein abgeschlossenes, überraschend intimes Städtchen, in dem knapp 6000 Menschen leben. Im Westen der Rhein, im Süden die ausgebaute Ruhr, drumherum mächtige Hafenarme, die Lebensadern für Industrie und Transport. Lieblich und idyllisch ist es an mancher Ecke, fast eine Postkartenschönheit am melancholisch weiten und langsam dahin fließenden Rhein. Im Masterplan 2009 für Stadtplanung heißt es fast poetisch. Ruhrort sei „ein Stadtteil von hoher Lagegunst“ mit „kompakter Siedlungsstruktur“. Zwischendrin gibt es trostlose Fassaden, leere Geschäfte und Schmuddelecken, aber nicht mehr den ätzenden Erzstaub in der Luft, wie noch vor 20 Jahren. Und es ist angenehm ruhig, denn das Einbahnstraßen-Wirrwarr schreckt viele Autofahrer ab. „In Ruhrort fährsse eh imma nur im Kreis“, spottet der Volksmund. Mitten durch den Verkehr windet sich auch noch die Straßenbahn. Alle Einwohner scheinen irgendwann einmal in einem Tatort mitgewirkt zu haben. „Dorfsheriff Schmidt“, stellt sich ein Polizist vor und zeigt auf das Foto einer Motorradstaffel. „Die Kollegen sind im ersten Tatort bei einer Verfolgungsjagd dabei gewesen.“ Ein Anwohner im Trainingsanzug erzählt, lässig mit der Bierpulle in der Hand aus seinem Wohnungsfenster gelehnt, er habe 1981 in eine Szene direkt vor seinem Hauseingang hineingerufen. „Und dann mussten die das voll noch ma nachvertonen“, amüsiert sich der Mann noch heute. In der Fürst-Bismarck-Straße, jener schmuddeligen Kulissenstraße der ersten Folge, wo ein Mann aus dem 3. Stock von Hausnummer 8 einen Fernseher auf die Straße wirft und Horst Schimanski erstmals sein Lieblingswort brüllt („Hör auf mit dem Scheiß?!“), wohnt in Nummer 30 immer noch ein Schimanski. Die Fürst-Bismarck-Straße, mit den mächtigen steinernen Brückentürmen im Hintergrund, einst voller Dreck und vieler Passanten, ist heute ein besonders ruhiges und unscheinbares Stück Ruhrort. Eine Grundschule befindet sich hier und ein Altenzentrum. Die Caritas-Jugendhilfe hat im Haus des früheren Kinderschifferheims ihr Domizil gefunden. Die Brückentürme, die gerade renoviert und zu Wohnungen ausgebaut werden, sind wegen des Baumwuchses kaum noch zu erkennen. Nur das ist wie früher: Haufenweise Hundekot auf dem Trottoir. Auf der Brücke zur alten Jugendstil- Badeanstalt (bis 1985), heute das Binnenschifffahrtmuseum, lernen wir zufällig eine ältere Dame kennen, Marlies Diepenbrock. Mit Manfred Kleinrahm entwickelt sich ein wunderbarer Dialog. Diepenbrock: „Der Schimanski – naja... Nach dem 1. Tatort haben wir vom Ruhrorter Bürgerverein einen ganz bösen Brief an den WDR geschickt, mit Todesanzeige für unseren Ruhrort. Weil alles so negativ dargestellt wurde.“ – „Naja, nachher haben wir ihn doch geliebt. Ich war auch oft dabei.“ – „Als was, Sicherheit, Feuerwehrmann?“ – „Nee, ich war mal die Wasserleiche.“ – „Ja, Wasserleichen gab es viele.“ – „Und einmal war ich auch ein Schiffer, der sogar einen Satz sagen durfte. Und ich habe Utensilien besorgt.“ – „Ja, der Schimanski hat doch so einen Spezialisten von hier, der immer dabei war.“ – „Stimmt.“ – „Kennen Sie den?“ – „Ja, das bin ich.“ – „Was – der, der jetzt in Hamborn wohnt.“ – „Ja, genau.“ – „Ach...“ Unter Seeleuten wurde Ruhrort wegen seiner einladenden Rotloichtvierteln lange Zeit als Klein-St.-Pauli gefeiert. Manches erinnert noch an die Schifferstadt, die Geschäfte zum Beispiel, wo es Bootsbedarf zu kaufen gibt. An den Häusern finden sich viele maritime Motive mit Steuerrädern und Wasserwellen. Ein Bewohner hat seinen Vorgarten mit rostigem Anker und Schiffschraube verschönt. Nur Schifferkneipen gibt es kaum noch. Keine Muße mehr für maritime Matrosenromantik. Wartezeiten im Hafen kosten Geld. Nur die Schifferbörse existiert weiter, das feine Lokal an der Hafenpromenade, zu dessen Eröffnung 1901 sogar Kaiser Wilhelm persönlich erschien. Hier residiert heute Ruhrorts Lions Club. Unten am Kai wartet der Museums- Raddampfer Oscar Huber auf Besucher. Gegenüber, auf der langen schlanken Mercatorinsel, bleibt ein alter Citroen im Schlamm stecken. Dort wird gerade die 45. Schimanski-Episode (Sendetermin: 2011) gedreht. Die Bild-Zeitung wird tags darauf einen Skandal beim „Geheim-Dreh“ anprangern: Die TÜV-Plakette von Schimis Citroen sei seit 2008 abgelaufen. Eine Fehlinformation: Sie ist schon seit 2.006 ungültig. Ob Götz George nach fast, 30 Jahren ein Duisburger geworden ist? „Bin ich, ja“, sagt er, und dieses Duisburg habe ihm „immer gefallen durch den Menschenschlag, das sind oft einfache Malocher, keine Quatschköppe, die sind 1:1, echt.“ Das offizielle Duisburg hat die Filmfigur Schimanski längst als ihren Sohn adaptiert. Auf der Homepage der Stadt läuft „der rauhe Polizist mit dem Hang zum Macho“ unter „Persönlichkeiten der Stadt“ neben dem Industriellen August Thyssen und Gerhard Mercator, dem Weltvermesser. Im Zentrum der Enklave Ruhrort liegt dezent versteckt in einem Park der unscheinbare Hauptsitz der „Franz Haniel & Cie. GmbH“. Die Mitarbeiter aus der Verwaltung des Handels- und Dienstleistungskonzerns erkennt man freilich leicht an ihren dunklen Anzügen. Die Jungmanager-Gruppen im Ort wirken wie eine Beerdigungsgesellschaft. Der Mischkonzern gilt seit jeher als Ruhrorts Motor, nicht nur wegen der Arbeitsplätze, sondern auch wegen dem vielfältigen Engagement im Sozialund Kulturbereich. Im Kulturhauptstadtjahr ist Ruhrort dank der Zuwendungen von Haniel „Hafen der Kulturhauptstadt“. „Ohne Haniel wäre der Ort längst tot“ – diesen Satz hört man immer wieder und häufig schwingt im Unterton der Wunsch mit: „Hoffentlich, gehen die hier nie weg.“ Denn was das bedeutet, wenn ein großer Arbeitgeber am Ort aufgibt, das wissen sie in Ruhrort. Rheinhausen, Symbol für den letztlich vergeblichen Kampf der Stahlarbeiter, liegt nur wenige Kilometer entfernt. Noch zieht Ruhrort aber Menschen an. Am Marktplatz hat zu Ostern das „Cafe Kaldi“ eröffnet. Früher befand sich dort der „Anker“, jene schummrige Kaschemme, in der Schimanski ermittelte und sich gelegentlich prügelte. Also, warum nicht „Cafe Schimi“s „Schimanski polarisiert“, sagt Mitinhaberin Silke Laskowski. Sie sei seit ihrer Jugend ein Riesenfan von ihm, „aber das ist ein schmaler Grad. Deshalb lassen wir das lieber.“ Immerhin: Die dunkle Wandverkleidung ist geblieben, ebenso die alten Stühle. „Ich hab mich in Ruhrort verliebt“, sagt Laskowski, „das ist das schönste Stück Duisburg.“ Manfred Kleinrahm strahlt bei einem solchen Satz – und ist skeptisch: „Ob dat hinhaun wird mit nem Kulturcafe ausgerechnet in Ruhrort?“ Vor vier Jahren hat sich Horst Schimanski in der Folge „Tod in der Siedlung“ selbst karikiert. Die Schlussszene spielte wieder in der Küche von 1981 (nachgebaut in einem Kölner Hochhaus), und wieder schlürfte der Mime zwei rohe Eier mit Blick auf die Stahlwerk-Kulisse. Nur, das war ein Fake aus dem Computer. Die Ruhrorter Phönix-Hochöfen wurden in den 90er Jahren Stück für Stück abgetragen, verschifft und in China wieder aufgebaut. Für Ruhrpott-Klischees taugt dieses Ruhrort nur noch mit Schummeleien. BERND MÜLLENDER © Süddeutsche Zeitung [ Homepage ] |