Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 11.11.2000

Männer im Bademantel

Kleinformate: Schimanski und die „Tödliche Liebe“ (ARD/WDR)

Zeitschriftenwerber und Schauspieler sind die besten Psychologen. Ihr Beruf, ihr Leben, hängt davon ab, daß sie alles und alle durchschauen. Sogar sich selbst: "Die merken schon am Klingeln, ob Du Stand hast", erklärt im Schimanski-Tatort ein Drücker einem Neuling. Der ist in Wahrheit LKA-Mann und hat sich in die Drückerkolonne eingeschmuggelt, um den Mord an seiner Schwester aufzuklären, die dort beschäftigt war. Gespielt wird dieser Tommy von Julian Weigend. Er sieht manchmal aus wie der junge Klaus Kinski. Und in einigen wenigen Momenten spielt er sogar so. Dann scheint er ein Darsteller, der viele durchschaut und viele Verhaltensweisen abrufbar gespeichert hat.

Zeitschriftenwerber sind, nach einer kurzen Lehre bei abgefeimten Drückerkönigen, ihre eigenen Regisseure. Schauspieler sind lebenslang auf Regisseure angewiesen. Selbst die besten werden fast immer schlecht, wenn keiner Einspruch wagt. Götz George spielt in "Tödliche Liebe" oft so, als habe Regisseur Andreas Kleinert kaum eingegriffen. Dann zum Beispiel, wenn er mit einem unendlich langen heiseren Luftröhrenanlauf lacht, als wolle er einen Mephisto geben, in dem die Virtuosität eines Gustaf Gründgens, Fritz Kortner, Heinrich George und Klaus Maria Brandauer zusammenfließt. Dabei soll er nur Schimanski sein, der sich, ebenfalls auf der Jagd nach dem Mörder und auch in die Drückerkolonne geschmuggelt, als schmieriger Drückerkönig Baldorf ausgibt. Aber George gibt nur einen George, der sichtlich stolz darauf ist, alles spielen zu können.

Auch Katrin Saß, sonst eine zuverlässige Darstellerin, hat als Elke Dorn, die von einem Schundleben hart und lesbisch gemachte Chefin der Truppe, wenig mehr zu bieten als herabgezogene Mundwinkel, eine permanent in Desillusionstiefen gepreßte Stimme und im Bodystocking eine sehr ansehnliche Figur. Letztere wird auch Schimanski zugestanden, der anfangs für einen Sekundenbruchteil nackten Po zeigt. Später steuert er noch eine Prise Situationskomik bei, wenn er als Baldorf im Bademantel mit einer Plastikduschhaube über der haarigen Brust und dem struppigen Schnauzer überrascht wird. Dann gibt es noch die Drückerkolonne, lauter junge talentierte Leute, die so solide und lebensfern spielen wie die Abschlußklasse einer guten Schauspielschule. Da ist man wenigstens zufrieden und genießt, daß Inga Busch als Favoritin der Drückerdomina ein unergründliches und Fabian Busch als hypersensibler Ricardo ein so verletzliches Gesicht hat.

Hier die Zeitungswerber in einer miesen Absteige, von Essensentzug, Lohnsperre und im Extremfall von Folter bedroht. Da die Normalität der Paare Schimanski und Marie Claire, des Kollegen Hänschen und seiner Frau Ruth. Das ist wohl als soziopsychologisch brisante Konstellation gedacht - die blanke Hölle der Außenseiter, der das gemütliche Fegefeuer der Norm widerspiegelnd entspricht. Das Alltagsmilieu gelingt sogar gut. Am Beginn zum Beispiel, wenn zur geplanten Silberhochzeitsfeier von Hänschen und Ruth statt der Sektkorken die Fetzen fliegen. Frauen "sind doch auch nur Menschen wie wir", ist der ratlose Kommentar des netten Dickbauchs, als er aus der Wohnung fliegt. Bald ist Schimanski in derselben Lage. Er hat den geplanten Urlaub vergessen, so wie der Freund die nachgeholte Hochzeitsreise. Beider Grund: die Arbeit, die Männerehre, der Kumpelstolz. Sie sind die Glut, die männlicherseits die gepaarte Bußübung prolongiert. Fegefeuer als verweigerte Zweisamkeit - "als würde er das Glück nicht aushalten", sagen die Frauen, die am Ende wie gewohnt verzeihen.

"Männer sind Abschaum", zischt Elke Dorn beim Finale. "Nicht alle", kontert Schimanski, der kurz zuvor seiner Marie Claire per Handy ein "aber ich brauch' Dich doch" ins Ohr gestammelt hat. Dann ist die Welt wieder in Ordnung und lange schon klar, daß das Kleinformat der netten Alltagsfeuerchen die Hölle der tödlichen Liebe zu Pantoffelkinogröße geschrumpft hat, samt Inzestdrama, Mord und Totschlag.

DIETER BARTETZKO

© Frankfurter Allgemeine Zeitung


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