Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 9.11.1999

Der weiche Riese

Keine Angst vor Rückenschmerzen: "Schimanski" (ARD/WDR)

Mit "Schimanski" verhält es sich wie mit den Lieblingsfilmen von einst. "Mary Poppins" zum Beispiel. Da war die Fünfjährige von den Eltern zum ersten Mal in ein Kino geführt worden. So eigenartig es ihr erschien, sich an einem lichten Sonntagnachmittag in einen finsteren Raum zu setzen, so entzückt war sie von dem Wesen, das auf der Leinwand, an einem Regenschirm Halt findend, durch die Lüfte schwebte. Bis dahin hatte die Kleine geglaubt, diese Gabe sei den Jungen vorbehalten, und immer hatte sie den fliegenden Robert aus dem "Struwwelpeter" beneidet. Und nur weil die Eltern keinen Kamin besaßen, durch den sie wie das englische Kindermädchen hätte emporsteigen können, blieb ihr die Gunst des Fliegens verwehrt. Die Erinnerung an Mary Poppins wurde, je weiter sie sich in die Vergangenheit zurückzog, immer phantastischer. Wie enttäuscht war daher das Kind von damals, als es die Nanny zwanzig Jahre später, an einem verregneten Sonntagnachmittag wiedersah. Der Zauber war nicht allein deshalb verflogen, weil es inzwischen gelernt hatte, dass auch Mädchen nicht fliegen können.

Mit Mary Poppins hat der Kriminalkommissar a. D. Horst Schimanski, zumindest an der Oberfläche, nichts gemein. Gleichwohl gibt es Ähnlichkeiten der Ungleichen. Denn als Schimanski als "Tatort"-Kommissar noch im Dienst des Westdeutschen Rundfunks stand, war der harte Mann mit dem großen Herz und dem verwaschenen Parka Kitsch und Kult zugleich. Wenn der WDR ihn heutzutage wieder auferstehen lässt, wünscht man sich, der Sender hätte dem Frührentner seine Ruhe gegönnt und dem Zuschauer seine Erinnerung. Vielleicht deshalb hat der Drehbuchautor Hansjörg Thun die jüngste "Schimanski"-Episode, die am Sonntag in der ARD zu sehen war, "Sehnsucht" genannt. Von den Sehnsüchten der Protagonisten jedenfalls war viel die Rede. "Haben Sie sich noch nie nach etwas gesehnt, ohne zu wissen, wonach?", fragte die Kindergärtnerin mit den traurig verhangenen Augen Schimanski. "Solange ich denken kann", murmelte es zurück.

Die wahre Sehnsucht von "Schimanski", die den Zuschauer neunzig Minuten lang erfüllte, war indes die nach dem Schimanski von einst. Doch ließ der sich, wie seinerzeit Mary Poppins, nicht mehr blicken. Dabei hatten alle alles richtig gemacht. Dass Götz George in die Jahre kommt, merkte man ihm nicht an. Altmeister Hajo Gries führte eine gewissenhafte Regie, seine Schauspieler, darunter Chiem van Houweninge und Suzanne von Borsody, gaben ihr Bestes. Vielleicht lag es gerade am guten Willen. "Du wirst nie verstehen, dass dieser Beruf etwas mit Ehre und Leidenschaft zu tun hat", klärte Schimanski den jungen, ehrgeizigen LKA-Kommissar Hunger (Julian Weigend) auf, der in einem Mordfall ermittelte, in den Schimanski sich eingeschaltet hatte, weil er seinen verdächtigten Freund Mammut (Veit Stübner) für unschuldig hielt. Früher wären solch große Worte - Ehre, Leidenschaft - verpönt gewesen. Hier hörte man zu viel von "Männerfreundschaften", verpassten Chancen und Liebschaften "ohne Rücksicht auf das eigene Herz". Und Mammut, der weiche Riese, kann in seinem schwergewichtigen Dasein ohnehin keiner Fliege etwas zuleide tun. Sein einziges Vergehen besteht darin, gern Hundefutter zu essen. Erst die letzte Drehbuchseite, die Schimanski nach zwei harten Arbeitstagen zurückschickt auf seinen alten Kahn, erinnert an den alten Kerl. "Pass auf, mein Rücken", warnt er, ehe er mit Marie-Claire in die Koje sinkt. Vielleicht war ja auch früher alles ganz anders. Aber es liegt schon so lange zurück.

SANDRA KEGEL

© Frankfurter Allgemeine Zeitung


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