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Frankfurter Allgemeine (FAZ) vom 27.10.1998
Mit beiden Beinen in der Luft Faust auf Faust: "Schimanski. Muttertag" (ARD/WDR) Zweihundert deutsche Militärbeobachter sollen demnächst wieder auf den Balkan entsandt werden. Schimanski ist schon einmal vorgegangen und hat nach dem Rechten gesehen. Seine Wandlung zum Kosmopoliten sollte niemanden überraschen. Mit dem Lokalkolorit ist es nicht mehr weit her, seit der WDR ihm eine eigene Reihe bewilligt hat. Bislang allerdings sprach alles für eine Westorientierung des Fernsehkommissars: nicht nur das Hausboot in Belgien, auf dem er mittlerweile lebt, sondern auch die Machart der Filme, die sich eher an amerikanischen als an deutschen Vorbildern orientieren. Schimanski arbeitet nun allein - wenn er arbeitet. Soweit ersichtlich, verbringt er seine Zeit vornehmlich mit Trinken, Spielen und Pöbelei. Es wird nicht ganz klar, ob er überhaupt noch Polizist ist. Sein Geld verdient er jedenfalls als Einzelkämpfer im Dienst einer Staatsanwältin, die es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt. Sein jüngster Auftrag ist recht absonderlich. Eine Mutter sucht ihren Sohn, der als Söldner in den Balkankrieg gezogen ist und gestorben sein soll. Sein letztes Lebenszeichen war ein Muttertagsgruß aus dem vergangenen Jahr. Schimanski fährt nach Kroatien und findet den Mann, erkennt ihn aber nicht, denn der Krieg hat ihn um Jahre altern lassen. Christian nennt sich nun Marko, spricht perfekt Kroatisch und leitet eine Miliz, die sich durch Schutzgelderpressung in Deutschland finanziert. Bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft war das längst bekannt. Gerade deshalb hatte sie ja der nichtsahnenden Mutter den ebenso nichtsahnenden Schimanski als Detektiv vermittelt. Der, hoffte man, würde schon irgendwie für Ordnung sorgen. Ein fataler Irrtum. Jahrelang haben Kritiker genörgelt, daß der deutsche Krimi nicht recht aus den Pantoffeln komme. Das haben sie nun davon. Auf allen Kanälen ballern einem die Sonderkommandos entgegen. Nun haben auch wir die Polizeichefs, die mit markiger Stimme nach "dem Besten" verlangen, und tumbe Schlägertypen, die sagen, daß sie die Besten seien. Und einer dieser Besten ist neuerdings Schimanski, Ein unglücklicher Moment, könnte man meinen. Denn die Zeit, in der er als zorniger junger Kommissar Furore machte, liegt immerhin schon siebzehn Jahre zurück. Daß er "der Beste" ist, muß er ausgerechnet auf dem Balkan beweisen. Das ist nicht nur peinlich, weil hier der deutsche Fernsehpolizist mit mehr Entschlossenheit als Verstand ein Territorium stürmt, das die deutsche Außenpolitik seit Jahren ratlos umschleicht. Es ist auch absurd, weil man Kriegsverbrechen nicht aufklären kann wie einen Ladendiebstahl. Wo kein Richter ist, da gibt es auch keinen Kläger und erst recht keinen Polizisten in unserem Sinn. Den desaströsen Fehlschlag eines solchen Versuchs behandelt Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now". Der Drehbuchautor Horst Vocks und der Regisseur Mark Schlichter haben dieses Mißverhältnis nicht übersehen. Sie haben es geradezu zum Thema ihres Films gemacht. Nur sprengen sie damit offene Türen: Daß ein deutscher Raufbold in den Ruinen des Balkankriegs nichts zu suchen hat, möchte man unbesehen glauben. Dazu ist es nicht nötig, Schimanski eine Flasche aus seinem Jeep werfen zu lassen, woraufhin prompt eine Landmine detoniert. Will sagen: "Wenn ich in Duisburg noch mit beiden Beinen ankommen will, dann sollte ich hier lieber nicht zu Fuß gehen." Wenigstens trägt Schimanski keine Waffe bei diesem Einsatz. Soviel Sensibilität haben die Produzenten bewahrt. "Rambo"-Mentalität lassen sie trotzdem aufkommen. "Mir sind alle Mittel recht", sagt die Staatsanwältin. "Wir kriegen das Schwein", sagt der Polizist. Was Schimanski sagt, ist hier nicht wiederzugeben. Auf der anderen Seite: verstümmelte Leichen, abstoßende Gewaltszenen, die selbst dem Dümmsten zeigen sollen, daß Kriegsverbrecher keine netten Leute sind. Dieser Film schürt Haß, auch wenn er ihn vorsorglich in die Ferne lenkt. Der Zuschauer soll zustimmend die Faust ballen, wenn Horst Schimanski Marko in ein Minenfeld stößt, dann seine Auftraggeberin würgt und einen Vorgesetzten verprügelt. Mit "Muttertag" hat die "Schimanski"-Reihe ihren traurigen Tiefpunkt erreicht. Götz George spielt so gut, wie es das Drehbuch erlaubt. Aber man kann sich nicht des Verdachts erwehren, daß nur ein übermütiges Jetzt-erst-recht den Sechzigjährigen in diese Rolle getrieben hat. Vor kurzem noch brüstete er sich in einem Interview damit, auch in den schweren Tagen niemals in einem Schundfilm mitgespielt zu haben. Er sollte nicht ausgerechnet jetzt damit anfangen. MICHAEL ALLMAIER © Frankfurter Allgemeine Zeitung [ Homepage ] |